Das ist Müll

Nee, Johanna, die ist hinüber, die muss in den Müll

, sagte mein Vater zu mir.

  

Meine Oma starb vor ungefähr 20 Jahren, doch erst vor einem halben Jahr wurde ihr Haushalt aufgelöst. Als Kind spielte ich häufig mit ihrer Briefwaage (das Teil war damals schon uralt) und einem Glas mit polierten Halbedelsteinen. Ich konnte stundenlang Steine sortieren und abwiegen. Sie waren so wunderbar glatt und bunt. Einfach einzigartig  .

Im November – es war ein grauer nasser Tag, an dem es gar nicht richtig hell werden wollte – schauten wir die Sachen durch. Ich fragte mich, ob es mein „Spielzeug“ wohl noch gäbe. Das Glas mit den Steinen entdeckten wir recht schnell, doch die Briefwaage war nicht auffindbar. Kurz bevor wir gehen wollten, tauchte sie jedoch in der kleinen Raum neben der Milchkammer auf. Ich habe das alte Stück kaum erkannt, so sehr war es korrodiert. Mein Vater sah mich zweifelnd an und meinte, dass die hinüber sei.

Ja, danach sah die Waage wirklich aus: hässlich braun angelaufen und pickelig vom Rost. Bei der Stellschraube war das Gewinde nicht mehr zu erkennen und die auch Skala war kaum noch lesbar. Der Gedanke, das die alte Briefwaage zu entsorgen, machte mich traurig.

Ach, Papa, ich nehme sie erstmal mit. Vielleicht bekomme ich sie wieder hin.

Bei mir zu Hause untersuchte ich erstmal Steine und das Glas. Beides war ganz klebrig und merkwürdig schmierig angelaufen. Also richtete ich in meinem Abwaschbecken ein Schaumbad und wusch meinen Schatz gründlich. Als ich die Steine zum Trocken auf einem Handtuch ausbreitete, brach ein einzelner Sonnenstrahl durch das triste Novembergrau, traf auf die sauberen Steine und ließ sie wie tausend Diamanten funkeln. Plötzlich war mir, als würde meine Oma hinter mir stehen und mich anlächeln, fast als wolle sie sagen: Danke, dass Du diese Sachen mitgenommen hast. Mir kroch eine Gänsehaut über den Rücken, gefolgt von tiefem Glück.

Die Waage bekomme ich auch noch hin!

, wusste ich in diesem Moment.

Ich besorgte mir Messingpolierpaste und feines Schleifpapier. Die Waage und ich verbrachten mehrere Stunden miteinander und jetzt am Ende sieht sie so aus. Mit etwas Öl, Geduld und dosierter Kraft habe ich sogar die Stellschraube wieder gangbar bekommen. Einmal eingestellt, ist das gute Stück unfassbar präzise, so dass ich sie wirklich benutzen kann.

Jeder Brief (also auch die Post aus der Nebelsphäre) darf einmal auf meine Waage, bevor er mein Büro verlässt. Dafür bin ich dankbar, denn bei jedem Wiegen breitet sich Wärme in mir aus und ich denke an meine Oma.

Und das Schönste: Meinen Kinder geht es wie mir damals. Sie lieben die Steine. Es wird also auch heute noch sortiert und abgewogen.

Tja, so schließt sich der Kreis  . Glück liegt eindeutig in den kleinen Dingen.   

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